Akupressur ist eine Methode aus der Traditionellen Chinesischen Medizin, bei der bestimmte Körperstellen mit den Fingern gedrückt oder massiert werden. Im Unterschied zur Akupunktur kommen keine Nadeln zum Einsatz. Die Anwendung wirkt dadurch unkompliziert – trotzdem sollte man ihre Möglichkeiten und Grenzen realistisch einordnen.
Dieser Beitrag erklärt, wie Akupressurpunkte bezeichnet und gefunden werden, worauf es bei der Anwendung ankommt und wann Beschwerden ärztlich abgeklärt werden sollten.
Was unterscheidet Akupressur und Akupunktur?
Akupressur und Akupunktur beziehen sich auf weitgehend dieselben traditionellen Punkt- und Meridiansysteme. Der wesentliche Unterschied liegt in der Art der Stimulation:
- Bei der Akupressur wird ein Punkt mit Fingern, Knöcheln oder einem stumpfen Hilfsmittel gedrückt.
- Bei der Akupunktur werden spezielle Nadeln in die Haut eingebracht. Sie gehört deshalb in die Hände entsprechend ausgebildeter Fachpersonen.
Die Vorstellung, dass Lebensenergie – das Qi – durch Meridiane fließt und über bestimmte Punkte beeinflusst werden kann, gehört zum traditionellen Erklärungsmodell der TCM. Meridiane lassen sich nicht mit Blutgefäßen, Nerven oder anderen anatomischen Strukturen gleichsetzen.
Wissenschaftlich wird unter anderem untersucht, ob die Stimulation bestimmter Körperstellen die Verarbeitung von Reizen im Nervensystem beeinflusst. Die Wirkmechanismen sind nicht abschließend geklärt. Auch Berührung, Aufmerksamkeit, Entspannung und die Erwartung einer Wirkung können eine Rolle spielen.
Eine ausführliche Einführung in Qi, Yin und Yang sowie die fünf Wandlungsphasen bietet unser Artikel Traditionelle Chinesische Medizin: Grundlagen, Meridiane und die fünf Elemente.
Was bedeuten Bezeichnungen wie Perikard 6 oder Leber 3?
Die Punktbezeichnungen bestehen meist aus dem Namen eines Meridians und einer Zahl:
- Perikard 6, kurz Pe 6 oder international PC 6
- Leber 3, kurz Le 3 oder LR 3
- Magen 36, kurz Ma 36 oder ST 36
- Lunge 7, kurz Lu 7 oder LU 7
- Herz 7, kurz He 7 oder HT 7
Die Zahl bezeichnet die Position des Punktes innerhalb des jeweiligen Meridianverlaufs. Sie sagt nichts darüber aus, wie stark oder bedeutsam ein Punkt ist.
Eine Übersicht über Verlauf, Zuordnung und Abkürzungen bietet unser Grundlagenartikel TCM-Meridiane: Die 12 Energiebahnen des Körpers.
Wie findet man einen Akupressurpunkt?
In der TCM werden Punkte anhand anatomischer Orientierungspunkte und relativer Körpermaße lokalisiert. Eine häufig verwendete Maßeinheit ist das Cun. Dabei handelt es sich nicht um eine feste Zentimeterangabe, sondern um ein Maß, das sich an den Proportionen des jeweiligen Menschen orientiert.
Für die Selbstanwendung sind drei Grundsätze hilfreich:
-
Zunächst die anatomische Region bestimmen.
Das können beispielsweise eine Handgelenksfalte, ein Knochenvorsprung oder der Zwischenraum zweier Sehnen sein. -
Die Umgebung langsam ertasten.
Ein Punkt ist nicht zwangsläufig als Vertiefung oder besonders schmerzhafte Stelle erkennbar. -
Nicht mit Gewalt nach einem Punkt suchen.
Punktabbildungen geben Orientierung, ersetzen aber keine fachkundige Anleitung. Schon kleine Abweichungen können dazu führen, dass eine andere Struktur gedrückt wird.
Wie wird richtig gedrückt?
Für eine zurückhaltende Selbstanwendung genügt meist ein gleichmäßiger, gut verträglicher Druck mit Fingerkuppe oder Daumen.
- Den Druck langsam aufbauen.
- Ruhig weiteratmen.
- Den Punkt etwa 30 bis 60 Sekunden halten oder sanft kreisend massieren.
- Danach den Druck langsam lösen.
- Bei Bedarf nach einer Pause wiederholen.
Es gibt keine wissenschaftlich einheitlich bestätigte Druckstärke oder Anwendungsdauer für sämtliche Punkte und Beschwerden. „Viel hilft viel“ ist daher kein sinnvoller Grundsatz.
Muss ein Akupressurpunkt schmerzen?
Ein leichter Druckreiz oder eine gewisse Empfindlichkeit kann auftreten. Starker, stechender oder ausstrahlender Schmerz ist jedoch kein Zeichen dafür, dass die Anwendung besonders wirksam ist.
Die Anwendung sollte abgebrochen werden, wenn:
- der Schmerz deutlich zunimmt,
- Taubheit oder Kribbeln entsteht,
- Schwindel oder Übelkeit auftritt,
- die Haut stark gerötet oder gereizt reagiert,
- sich die Anwendung insgesamt unangenehm anfühlt.
Akupressur sollte nicht auf offenen Wunden, entzündeter Haut, frischen Verletzungen oder ausgeprägten Schwellungen durchgeführt werden.
Häufig genannte Akupressurpunkte
Die folgenden Punkte dienen als Beispiele für die Verbindung zwischen den Meridianen und der praktischen Anwendung. Die traditionellen Zuordnungen sind keine medizinischen Wirkversprechen.
Perikard 6: Neiguan
Perikard 6 liegt an der Innenseite des Unterarms zwischen zwei Sehnen, einige Fingerbreiten oberhalb der Handgelenksfalte.
In der TCM wird der Punkt unter anderem bei Übelkeit, innerer Unruhe und Beschwerden im Brustbereich verwendet. Vergleichsweise gut untersucht ist die Stimulation von PC 6 zur Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen nach Operationen. Die Ergebnisse sind jedoch je nach Anwendungsgebiet und Studienqualität unterschiedlich. Akupressur kann eine notwendige Behandlung gegen Übelkeit deshalb ergänzen, aber nicht ersetzen.

Schematische Orientierung: Pe 6 liegt zwischen zwei Sehnen an der Innenseite des Unterarms (etwa drei Fingerbreit oberhalb der Handgelenksfalte). Die genaue Punktlage kann individuell variieren.
Mehr zu Verlauf und traditioneller Einordnung: Der Perikardmeridian in der TCM.
Dickdarm 4: Hegu
Dickdarm 4 befindet sich auf dem Handrücken im Bereich zwischen Daumen und Zeigefinger.
Traditionell wird er unter anderem bei Kopf- und Gesichtsbeschwerden eingesetzt. Besonders bei starken, wiederkehrenden oder neu auftretenden Kopfschmerzen ist Akupressur jedoch kein Ersatz für eine medizinische Ursachenklärung.
Für Schwangere wird bei diesem Punkt traditionell besondere Vorsicht empfohlen. Die Aussage, Dickdarm 4 löse zuverlässig Wehen aus, ist wissenschaftlich nicht gesichert. Während der Schwangerschaft sollten Akupressurbehandlungen dennoch mit Hebamme, Ärztin oder Arzt abgestimmt werden.
Mehr über den zugehörigen Meridian: Der Dickdarmmeridian in der TCM.
Leber 3: Taichong
Leber 3 liegt auf dem Fußrücken zwischen dem ersten und zweiten Mittelfußknochen.
Im Modell der TCM wird der Punkt häufig mit dem freien Fluss des sogenannten Leber-Qi verbunden. Er kommt traditionell etwa bei Anspannung, Reizbarkeit oder Kopfbeschwerden zum Einsatz.
Der Begriff Leber-Qi beschreibt dabei ein traditionelles Funktionskonzept. Er bedeutet nicht, dass eine Erkrankung der anatomischen Leber vorliegt oder durch Druck auf diesen Punkt behandelt werden kann.
Mehr zu diesem Funktionskreis: Der Lebermeridian in der TCM.
Lunge 7: Lieque
Lunge 7 befindet sich seitlich am Unterarm in der Nähe des Handgelenks.
Traditionell wird der Punkt mit dem Lungenmeridian sowie Beschwerden im Bereich von Nase, Hals und Atmung verbunden. Atemnot, Brustschmerzen, anhaltender Husten oder eine Verschlechterung bestehender Atemwegserkrankungen gehören jedoch medizinisch abgeklärt. Akupressur ersetzt weder Asthmamedikamente noch eine andere verordnete Behandlung.
Mehr zur traditionellen Einordnung: Der Lungenmeridian in der TCM.
Magen 36: Zusanli
Magen 36 liegt unterhalb des Knies an der Außenseite des Unterschenkels.
In der TCM gilt er als allgemeiner Stärkungs- und Regulierungspunkt. Traditionell wird er unter anderem Verdauung, Belastbarkeit und Regeneration zugeordnet. Diese breite traditionelle Verwendung ist nicht mit dem Nachweis gleichzusetzen, dass der Punkt unterschiedliche Erkrankungen behandeln kann.
Mehr über den Verlauf und die traditionellen Zuordnungen: Der Magenmeridian in der TCM.
Herz 7: Shenmen
Herz 7 liegt an der Handgelenksfalte auf der Kleinfingerseite.
In der TCM wird Shenmen – übersetzt etwa „Tor des Geistes“ – bei Unruhe und Schlafproblemen eingesetzt. Entspannende Berührung und ein bewusstes Innehalten können subjektiv wohltuend sein. Bei länger anhaltenden Schlafstörungen, starker innerer Unruhe oder psychischen Beschwerden sollte die Ursache dennoch professionell abgeklärt werden.
Mehr über Shen und den zugehörigen Funktionskreis: Der Herzmeridian in der TCM.
Was ist wissenschaftlich untersucht?
Die Forschung zu Akupressur ist uneinheitlich. Untersucht wurden unter anderem Übelkeit, Schmerzen, Schlafbeschwerden und verschiedene Formen der Selbstbehandlung. Viele Studien sind klein, verwenden unterschiedliche Punktkombinationen oder lassen sich nur schwer verblinden.
Am besten untersucht ist die Stimulation von Perikard 6 bei bestimmten Formen von Übelkeit. Auch hier hängen die Ergebnisse vom Anwendungsgebiet und von der Qualität der Studien ab. Aus einem positiven Ergebnis für einen einzelnen Punkt lässt sich keine allgemeine Wirksamkeit der Akupressur für andere Beschwerden ableiten.
Bei Untersuchungen zu Akupunktur und Akupressur können neben möglichen spezifischen Effekten auch Kontext, Erwartung, Berührung und andere unspezifische Faktoren zum Ergebnis beitragen.
Wann sollte Akupressur nicht selbst angewendet werden?
Vor oder statt einer Selbstbehandlung sollte medizinischer Rat eingeholt werden bei:
- plötzlich auftretenden oder starken Beschwerden,
- Atemnot, Brustschmerz, Lähmungserscheinungen oder Bewusstseinsstörungen,
- anhaltendem Erbrechen oder Zeichen einer Austrocknung,
- ungeklärten Schmerzen oder deutlicher Verschlechterung,
- Schwangerschaft oder Risikoschwangerschaft,
- schweren oder chronischen Erkrankungen,
- Beschwerden bei Säuglingen und kleinen Kindern,
- Unsicherheit, ob eine Selbstanwendung geeignet ist.
Auch eine nebenwirkungsarme Methode darf nicht dazu führen, eine Diagnose oder notwendige Behandlung hinauszuzögern.
Akupressur im Zusammenhang verstehen
Akupressurpunkte gehören innerhalb der TCM zu einem größeren Ordnungssystem. Eine Übersicht über Verlauf und traditionelle Zuordnung aller Leitbahnen bietet unser Beitrag TCM-Meridiane: Die 12 Energiebahnen des Körpers.
Wer zunächst die Grundbegriffe Qi, Yin und Yang sowie die fünf Wandlungsphasen kennenlernen möchte, findet sie in unserer Einführung in die Traditionelle Chinesische Medizin.
Fazit
Akupressur ist eine leicht zugängliche Methode, bei der ausgewählte Punkte durch Druck stimuliert werden. Sie kann als ruhiges Ritual, zur Körperwahrnehmung oder ergänzend bei einzelnen Beschwerden ausprobiert werden.
Ihre Grundlagen stammen aus dem traditionellen System der TCM. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen davon getrennt betrachtet werden: Für manche Anwendungen gibt es Hinweise auf einen Nutzen, für viele andere fehlen belastbare Nachweise.
Entscheidend sind eine sanfte Anwendung, realistische Erwartungen und eine klare Grenze: Akupressur kann unterstützen – sie ersetzt keine notwendige medizinische Untersuchung oder Behandlung.
Quellen und weiterführende Informationen
- World Health Organization: Standard Acupuncture Nomenclature .
- World Health Organization, Regional Office for the Western Pacific: WHO Standard Acupuncture Point Locations in the Western Pacific Region, 2008.
- National Center for Complementary and Integrative Health: Acupuncture: Effectiveness and Safety .
- Cochrane Review: Stimulation des Akupunkturpunktes PC 6 zur Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen nach Operationen.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine medizinische Diagnose, Beratung oder Behandlung.

